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Unternehmen schätzen die Logik der Physiker

Kreativität und systematische Vorgehensweise haben Physiker im Studium gelernt. Und damit starten sie immer öfter eine Wirtschaftskarriere

Von Yvonne Scheller

Sie haben längst den viel zitierten Elfenbeinturm verlassen, grübeln nicht mehr nur in verstaubten Labors an den Rätseln der Relativitätstheorie. Die etwa 70.000 Physiker, die nach Schätzung von Rainer Kassing, Vorstand für Bildung und Ausbildung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, in Deutschland arbeiten, sind oft in völlig physikfremden Berufssparten tätig. So finden sich die ausgebildeten Naturwissenschaftler wegen ihrer Programmierkenntnisse oft im Softwarebereich wieder, aber auch bei Banken und an der Börse. Aufgabenbereich: Aktienmarkt simulieren. Bei Fluggesellschaften das künftige Fluggastaufkommen zu berechnen ist eine weitere Möglichkeit.

Die Berufschancen stehen augenblicklich außerordentlich gut, "denn die Kreativität, das logische Denken und die systematische Problemlösung, für die Physiker speziell ausgebildet wurden, sind gerade jetzt im Bankwesen und im Management besonders gesucht", weiß Professor Kassing, der an der Universität Kassel lehrt. Doch auch im klassischen Bereich, an der Universität beispielsweise, sieht es gut aus. Kassing erwartet, dass in den nächsten Jahren etwa 20 bis 30 Prozent der Stellen frei werden, "vorasgesetzt, die Politiker streichen diese Stellen nicht". Andere stehen kaum zur Disposition: "Physiker und Chemiker sind zurzeit als Lehrer sehr gefragt", so Kassing.

Für die Universitätskarriere hat sich Ingrid Wilke entschieden. Die Experimentalphysikerin steht kurz vor ihrer Habilitation und hat im Institut für angewandte Physik der Universität Hamburg in den letzten Jahren ein Labor für Terahertz- und Ultrakurzzeitspektroskopie aufgebaut. Dort betreut sie eine kleine Gruppe Diplomanden und Doktoranden. Die Erforschung des bislang Unentdeckten - das ist es, was Wilke an ihrem Beruf besonders fasziniert. Unbedingt mitbringen sollten junge Physiker deshalb die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. "Dass die Physik eine Wissenschaft ist, die erklärt, woher die Welt kommt und wohin sie geht", begeistert sie nach wie vor.

Ihrem Forscherdrang frönen können Berufseinsteiger natürlich auch in der Industrie. Sabine Dippel hat für sich eine Position in der Wirtschaft gewählt. Die Universitätslaufbahn schien ihr zu unsicher. Seit vier Jahren arbeitet sie - "mit Begeisterung" - als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Philips-Forschungslabor in Hamburg. Ihr Metier ist die medizinische Bildverarbeitung. Der Versuch, Phänomenen auf die Spur zu kommen, hat sie schon immer gereizt. "Forschung ist immer damit verbunden, neue Dinge auszuprobieren, zu sehen, ob bestimmte Ideen funktionieren. Von zehn funktioniert meist nur eine, doch die wiegt die anderen auf", so Sabine Dippel.

Auch finanziell lohnt sich ein Physikstudium. In der Wirtschaft liegt das Einstiegsgehalt zwischen 42.000 und 45.000 Euro. Mit Doktortitel - Wilke und Dippel sind promoviert - liegt das Gehalt höher. Eine C1-Stelle in der Lehre, wie die von Ingrid Wilke, ist mit rund 43.000 Euro dotiert.

Wilke und Dippel sind schon etwas Besonderes: Frauen in einer Männerdomäne. Für beide kein Problem. Als Schwierigkeit sieht Dippel höchstens die Vereinzelung im Studium. Den Frauenanteil an den Universitäten schätzt sie auf zehn bis 15 Prozent. Im Beruf jedoch und vor allem auf internationalen Tagungen gibt es keinerlei Vorurteile - im Gegenteil. "Der Frauenanteil in der Physik ist in fast allen anderen Ländern höher", weiß Dippel. Berufskollegin Wilke sieht in Deutschland die Frauen vor allem noch in der Entscheidungsebene unterrepräsentiert: "Frauen sind als Physikstudentinnen, als Diplomandinnen und Doktorandinnen weitgehend akzeptiert und geschätzt. Der Bereich, an dem man in der Bundesrepublik noch arbeiten muss, ist die nächste Ebene, auf der die Entscheidungen getroffen werden."

Diesem Zustand abhelfen wollen die zahlreichen Netzwerke, die den Naturwissenschaftlerinnen Rückhalt geben. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat den Arbeitskreis "Chancengleichheit" ins Leben gerufen. Daneben gibt es die "Frauen in der Physik" und die "Deutsche Physikerinnentagung". Im Rahmen der Tagung bilden sich informelle Netzwerke, "in denen Mailing-Listen und Stellenausschreibungen zirkulieren", so Dippel.

Seit einem Jahr bietet die Deutsche Physikerinnentagung ein Programm speziell für Schülerinnen und Studentinnen an. Die Organisatoren legen Wert darauf, dass die Vorträge auch ohne umfangreiches Detailwissen verständlich sind. "So gibt es Berufswahlvorträge, die die Vielfalt der Arbeitsbereiche und des Arbeitsumfeldes beleuchten", erläutert Hanna M. Brodowsky, Mitorganisatorin der Tagung 2001 in Dresden.

Wer also mit dem Gedanken spielt, die Welt der Physik zu erobern, findet hier wertvolle Informationen. Mitbringen sollten angehende Physiker unbedingt Sprachkenntnisse. Dippel: "Man kommt in der Physik ohne Englisch schon mal gar nicht weiter, die gesamte Fachliteratur ist auf Englisch." Außerdem unerlässlich: mathematisches und technisches Geschick.

Physiker informieren im Netz:

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Netz:
www.dpg-physik.de

Der Arbeitskreis Chancengleichheit im Netz:
www.dpg-fachgremien.de/akc/start.html

Die Physikerinnentagung im Netz:
www.physikerinnentagung.de

Die Arbeitsgruppe "Frauen & Physik" im Netz:
www.ati.ac.at/OePG/DieOePG/AKFrauen/AKFrauen.html


erschienen am:20. 01. 2002
Channel:Berufswelt
Bereich:Karriere

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